von Isabelle Oberthür aus Lyon (Frankreich)
Kein Mensch geht nach Frankreich, weil es hier so günstig ist. Tatsächlich sind Lebensmittel, Mieten und Ausgehen durchaus etwas teurer. Das sollte einen aber wirklich nicht davon abhalten nach Frankreich zu gehen. Es muss auch nicht gerade Paris sein. Genau so wenig wie Deutschland eben nicht Berlin ist, ist Frankreich nicht Paris. (Auch wenn der ein oder andere Pariser das vielleicht denkt…)
Okay, aber vielleicht sollte ich mal der Reihe nach erzählen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Erasmus-Partneruniversitäten stellt das IEP (Institut d´études politique) keine Wohnheimplätze oder Ähnliches bereit. Was für mich wiederum bedeutete, bei meiner Ankunft in Lyon erst mal ins kalte Wasser geschubst zu werden und mich selbst auf die Wohnungssuche machen zu müssen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich – trotz des schwierigen Wohnungsmarkts – eigentlich schnell etwas gefunden hatte. In jener Woche empfand ich die Wohnungssuche jedoch als ziemlich zermürbend und so verabschiedet man sich von der Vorstellung, in einer voll coolen Colocation mit anderen Französinnen oder Franzosen für unter 300 € ein Zimmer zu bekommen. 400-450 € Miete scheinen auf einmal total angemessen. (Tatsächlich wohne ich jetzt sogar mit zwei Franzosen und Maike aus Erfurt zusammen, zahle 335 €, habe allerdings auch keine richtige Tür zwischen Maikes und meinem Zimmer, aber so ein Vorhang ist auch nett
)
Und was auch nicht zu verachten ist, man kann bei der französischen Familienkasse Wohngeld beantragen. Geht relativ unkompliziert, und ist elternunabhängig. 90 € in meinem Fall für Oktober, November, Dezember und Januar – lohnt sich. Zurückzahlen muss man nichts.
Ja, tatsächlich ist das eine der wenigen Dinge, die echt flott und unkompliziert gingen (hab meine Sachen allerdings auch erst nach dem großen Ansturm losgeschickt, deswegen gings schnell). Wie sich das laut einem niederschmetternden Artikel aus „jetzt“ von der Süddeutschen (Link) über Studierendenaustausche gehört, muss ich ein bisschen über die Bürokratie meckern.
Deutschland — das Land der Bürokratie? Frankreich übertrifft es noch ein bisschen, zumindest was so den alltäglichen nichtstaatlichen Wahn angeht. Also ohne doppelte und dreifache Bürgschaft geht bei der Wohnungsvermittlung schon mal gar nix und ich glaube, die Banken sind auch noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Bis man erst mal ein Bankkonto eröffnet kriegt, vergeht so seine Zeit. Überweisungen werden dann auch gerne mal per Post verschickt, sodass es auch schon mal ne Woche dauern kann, bis das Geld ankommt. Und, das Allerschärfste: Es ist tatsächlich möglich, mit Schecks zu bezahlen. Auch im Supermarkt! So, jetzt aber genug gelästert.
Jedenfalls scheint der Direktor des IEP mit seinem Begrüßungssatz Recht behalten zu haben: „Tout va s’arranger“, so viel wie: es wird sich schon alles finden – und das hat es ja auch.
Tja, das gute IEP. Von diesen IEPs gibt es noch ein paar andere in Frankreich und sie haben einen ziemlich guten Ruf. Ich glaube, man kann es schon fast als Elite-Uni oder so bezeichnen. Man muss als gemeiner Franzose nämlich einen ziemlich harten „Concours“ bestehen um dort angenommen zu werden. Viele machen dafür nach ihrem Abi noch ein oder zwei Jahre eine sogenannte „Classe préparatoire“, ein System, das ich nicht unbedingt gut finde (das kostet nämlich auch mitunter einiges an Geld).
Als Austauschstudentin musste ich diesen Concours aber nicht machen. Aber es ist toll, einmal in seinem Leben dafür „bewundert“ zu werden, wenn man „Politik“ als sein Studienfach angibt und nicht wie in Deutschland mitleidige Blicke und die Frage „Und was machst du später mal damit?“ zu ernten.
Abgesehen von dem Concours war es das aber glaube ich schon mit „elitär“. Gut, man sieht viele Studierende mit RayBen Brille und MacBook. Es sind wohl größtenteils Studierende aus reicherem Elternhaus, die aufs IEP gehen. Deswegen bin ich mittlerweile an dem Punkt angelangt, mich weniger über das deutsche Bildungssystem zu beschweren. Ich hab das Gefühl, dass in Deutschland die tatsächliche Chancengleichheit doch etwas höher ist.
Auf jeden Fall heißt es, dass IEP-Absolventen nach dem Abschluss mit Kusshand genommen werden. Das Studium ist wirklich sehr generalistisch und man hat ein breites Angebot, unter anderem was ausländische Gastdozenten an geht (z. B. hatte ich einen Kurs über das traditionelle Rechtssystem in Afrika, unterrichtet von einem Dozenten der eigentlich Professor an einer Universität in Benin ist) Die regulären Studierenden haben stundenplanmäßig auch ein ganz straffes Programm, nur, wirklich kompliziert oder schwierig ist das meiste nicht. Die Veranstaltungen laufen meistens so ab: Der Dozent liest vor oder erklärt und die Französinnen und Franzosen schreiben jedes Wort(!!!) mit und dann lernt man das am Ende auswendig und muss meist in der Klausur eine „Dissertation“, so eine Art Erörterung zu einer bestimmten Frage schreiben. Sich selbstständig mit irgendwelchen Texten oder ähnlichem auseinander zu setzen ist eher selten.
Dass das ganze so „verschult“ ist liegt vielleicht auch einfach daran, dass die Französinnen und Franzosen viel jünger sind, wenn sie mit dem Studium anfangen. Da fühle ich mich teilweise mit meinen 22 Jahren schon ganz schön alt, wenn ich da neben den 18- oder 19-Jährigen sitze (oder im ersten Semester auch mal neben 17-Jährigen, zumindest sieht es teilweise so aus).
Manchmal wünsche ich mir, ein bisschen mehr Kontakt zu Französinnen und Franzosen zu haben, aber irgendwie, durch die ähnliche Situation hat man doch sehr viel Kontakt zu anderen Austauschstudierenden. (Am Freitag haben wir sie glaube ich endgültig schockiert, als wir morgens (hier war Feiertag, Ende 1. Weltkrieg) eine kleine Karnevalsparty geschmissen haben.)
Aber immerhin sprechen wir unter den Ausländern meistens französisch. Den Kontakt möchte ich auch echt nicht missen, weil man eben nicht nur Party macht, sondern sich auch über Politik unterhält und feststellt, dass man von so vielen europäischen Nachbarn überhaupt keine Ahnung hat (und dies schleunigst ändern sollte).
Auch süß, und manchmal bekomme ich fast schon ein schlechtes Gewissen, wenn man irgendwelchen Türken sagt, dass man Deutsche ist und sie dann sagen, dass sie aus der Türkei kommen, ist meist der erste Satz: „Jaja, aber ich bin nicht so wie die Türken in Deutschland.“ Ich hab noch nicht genau herausgefunden, was die Moral aus dieser Geschichte ist (Haben die „Deutschtürken“ ein Imageproblem? Ist das ein Zeichen für missglückte Integration? Denken die Türken, Deutsche können sie eh nicht leiden? Ich hoffe zur Völkerverständigung beitragen zu können
).
Überhaupt muss ich gestehen, dass ich am Anfang Befürchtungen hatte, dass die Französinnen und Franzosen vielleicht noch irgendwelche Ressentiments hegen würden. Bis jetzt war das gar nicht der Fall, eher im Gegenteil. Selbst auf meiner Wohnungssuche haben doch irgendwelche schrulligen Eigentümer bei der Besichtigung sowas gesagt wie: “Ich spreche leider keine deutsch, nur eins, zwei, drei, vier…“ oder ähnliche Sachen. Und am IEP hab ich schon ziemlich viele deutschlandbegeisterte Menschen getroffen, die sogar ziemlich gut Deutsch sprechen können. Ja, und manchmal wird man sogar mit Lob überschüttet à la „ohhh ihr Deutschen, ihr könnt immer so viele Sprachen und ihr könnt so gut Englisch und ahhh und Französisch sprichst du auch noch“. Herrlich! ![]()
Das Klischee, Französinnen und Franzosen wollen keine anderen Sprachen lernen/sprechen, kann ich also absolut nicht bestätigen. Es scheint viel mehr am Sprachunterricht in der Schule zu liegen, in dem das Sprechen viel zu kurz kommt, so dass man teilweise nach sieben Jahre Deutschunterricht nicht viel mehr rausbekommt als „Ich heiße“ oder so.
Also, falls wir mittlerweile vielleicht ein paar Pädagogen im Kreise der JEFerinnen und JEFer begrüßen können, die Reformation des Sprachunterrichts an französischen Schulen wäre doch mal eine Aufgabe.
Mit diesen Worten verabschiede ich mich erst mal,
Beste europäische franco-allemand’sche Grüße et Bisous
Isabelle
1 Comment to "Bonjour aus Lyon
“Also, falls wir mittlerweile vielleicht ein paar Pädagogen im Kreise der JEFerinnen und JEFer begrüßen können, die Reformation des Sprachunterrichts an französischen Schulen wäre doch mal eine Aufgabe.”
Jetzt brauchen wir nur noch einen Hammer und Nagel, um deine These an die Tür zu den Pädagogik-Studierenden Europas, Lyons und Erfurts, zu schlagen. Unterhaltsam ist dein Auslandssemester-Bericht auf jeden Fall. Möglicherweise fühlt sich ja auch jemand berufen, die katholische Kirche, pardon, den Sprachunterricht in unserem Schul- und Hochschulsystem zu erneuern
.
Viel Spaß in Lyon!